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Hypochondrische Störung (ICD-10 F45.2)
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Vorbemerkung
Wichtiger Hinweis:
Angaben zum methodischen Aufbau und zur Evidenzbasierung dieser
Leitlinie, zu Definition, Klassifikation und Beschreibungsdimensionen
somatoformer Störungen sowie allgemeine Handlungsempfehlungen zur
Diagnostik und Therapie nach Versorgungsebenen sind in der
Leitlinie Somatoforme Störungen 1: "Somatoforme Störungen im Überblick"
zusammengefaßt. Die vorherige Lektüre dieses Überblicks wird empfohlen.
Die Leitlinie mit zugehörigem Quellentext
wird veröffentlicht in:
Henningsen P, Hartkamp N, Loew T, Sack M, Scheidt C: Somatoforme
Störungen. Leitlinien und Quellentexte. Stuttgart: Schattauer, 2002.
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Definition und Terminologie
Eine HS wird nach ICD-10 beim Vorliegen
folgender Kriterien diagnostiziert:
- Eine mindestens 6 Monate anhaltende
Überzeugung vom Vorhandensein wenigstens einer ernsthaften, vom
Patienten benennbaren körperlichen Krankheit, als Ursache für
vorhandene Symptome, auch wenn wiederholte Untersuchungen keine
ausreichende körperliche Erklärung erbracht haben.
- Ständige Weigerung, den Rat und die
Versicherung mehrerer Ärzte zu akzeptieren, daß den Symptomen
keine körperliche Krankheit zugrundeliegt.
Das Leiden an den körperlichen
Anzeichen/Beschwerden tritt dagegen in den Hintergrund.
Hypochondrische Befürchtungen im weiteren Sinne sind im Gegensatz
zur HS persönlichkeitsabhängig weit verbreitet. Sie machen bei allen
somatoformen Störungen eine wichtige Dimension der Beschwerden aus und
können die Interaktionen mit Ärzten bestimmen.
Als Ausschlußkriterium wird in den
Forschungskriterien der ICD-10 das Auftreten einer HS während einer
Schizophrenie oder einer verwandten Störung (F2, insbesondere F22) oder
während einer affektiven Störung (F3) angegeben. Damit eine
Depressive Störung als primär angesehen werden kann, müssen
depressive Symptome im Vordergrund stehen und der Entwicklung
hypochondrischer Ideen vorausgehen.
Die körperdysmorphe Störung oder
Dysmorphophobie, also die anhaltende Beschäftigung mit einer
vermuteten körperlichen Entstellung, wird in der ICD-10-Klassifikation,
nicht aber in DSM IV, unter der HS abgehandelt. Die folgenden Leitlinien
gehen auf diese seltenere, phänomenologisch von der HS abgegrenzte
Störung nicht ein.
Das Konzept der HS im engeren Sinne wird
international unterschiedlich akzentuiert. Sowohl in psychoanalytischer
wie in kognitiv-behavioraler Tradition wird die exzessive, angstvoll
getönte Beschäftigung mit eigener Gesundheit und eigenem Körper noch vor
der kognitiven Komponente der Ursachenüberzeugung betont und die
Klassifikation der HS bei den somatoformen Störungen statt bei den
Angststörungen in Frage gestellt. In der quantitativ überwiegenden,
psychiatrisch geprägten US-amerikanischen Literatur werden dagegen die
neben den mentalen Komponenten unabdingbaren Körperbeschwerden betont,
so daß sich dort die HS weniger scharf von der undifferenzierten/
Somatisierungsstörung abhebt. Die Formulierung der diagnostischen
Kriterien in ICD-10 (s.o.) kann als Versuch verstanden werden, eine
neutrale Position zwischen diesen Akzentuierungen zu besetzen.
Je nach gewählten Diagnosekriterien
schwankt die Prävalenz der HS in einer primärärztlichen
Inanspruchnahmeklientel zwischen 1 und 6%.
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Diagnostik
Allgemeine Diagnostik siehe
Leitlinie Somatoforme Störungen 1.
Damit eine Überzeugung vom Vorhandensein
einer körperlichen Krankheit als hypochondrisch angesehen werden kann,
muß sie diagnostisch abgegrenzt werden:
- von realistischen
Überzeugungen/Befürchtungen: durch den Ausschluß einer den
Befürchtungen entsprechenden körperlichen Erkrankung.
- von zwanghaften Befürchtungen:
diese sind typischerweise ich-dyston und beziehen sich auf die
Möglichkeit, in der Zukunft krank zu werden; hypochondrisch ist
dagegen die Furcht vor den Folgen einer bereits bestehenden Krankheit.
Die Überzeugung, an dieser zu leiden, ist typischerweise ich-synton.
- von Ängsten im Rahmen einer
Panikattacke/störung: diese beziehen sich auf sofortige,
katastrophische und nicht zukünftige Folgen wahrgenommener
Beschwerden.
- von ängstlicher Erwartung im Rahmen
einer generalisierten Angststörung: hier ist die Befürchtung, zu
erkranken oder krank zu sein nur ein Aspekt umfassenderer Ängste und
Sorgen.
Das Erscheinungsbild einer HS
insgesamt muß darüber hinaus nach weiteren vier Seiten hin
differentialdiagnostisch abgegrenzt werden:
- von vorübergehenden
hypochondrischen Befürchtungen: durch das Zeitkriterium (Anhalten
der Beschwerden über 6 Monate hinaus).
- von leichteren hypochondrischen
Befürchtungen: durch die Auswirkungen, lt. Forschungskriterien der
ICD-10: andauerndes Leiden, Störung des Alltagslebens, Nachsuchen um
medizinische Behandlungen/Untersuchungen.
- von anderen somatoformen Störungen:
a) durch die Konkretheit der befürchteten Erkrankung (Krebs, AIDS); b)
durch das Überwiegen des Leidens an der Überzeugung/Befürchtung
gegenüber dem Leiden an den Beschwerden; c) durch das Nachsuchen um
Erklärung statt um Behandlung.
- von einem hypochondrischen Wahn:
durch die Fähigkeit des Patienten, sich nach einer Beruhigung oder
einer weiteren Untersuchung wenigstens kurzfristig von seiner
Überzeugung zu distanzieren.
Häufig werden vom Patienten selbst bei
der Untersuchung nur die aus seiner Sicht abklärungsbedürftigen
Körperbeschwerden spontan geschildert, nicht aber die dazugehörigen
Überzeugungen/Befürchtungen. Darum muß aktiv nach der
Krankheitsbefürchtung des Patienten (Tumor, AIDS), nach
Gedankenkreisen darum, Selbstbeobachtung und Todesangst gefragt
werden.
Eine HS (wie auch ausgeprägtere
hypochondrische Befürchtungen) ist keine Alterserkrankung und tritt - im
Unterschied zu anderen somatoformen Störungen - nicht generell gehäuft
bei Frauen auf (Ausnahme: Schwangere). Sie muß daher in allen
Altersstufen und bei Männern wie bei Frauen diagnostisch in Erwägung
gezogen werden.
- Obsolet ist die diagnostische
Einstellung: Hypochonder sind Simulanten, vgl. außerdem Leitlinie 1:
Häufige Fehler.
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Therapie
Allgemeine Behandlungsempfehlungen siehe
Leitlinie Somatoforme Störungen 1. Zu den bisherigen Ergebnissen der
empirischen Therapieforschung siehe die Evidenzbasierung (5).
4.1 Primärärztliche Behandlung
Patienten mit HS suchen typischerweise
wiederholt um eine Versicherung nach, daß keine ernsthafte körperliche
Erkrankung vorliege. Beim Aussprechen derartiger Versicherungen muß
der Beziehungsaspekt dieser Intervention beachtet werden:
- Dient das Geben der Versicherung der
(im Einzelfall unumgänglichen) Vermittlung von Sicherheit oder dem
(eher problematischen) kurzfristigen Loswerden des schwierigen
Patienten?
- Soll der Patient durch die
Verweigerung der Versicherung bestraft werden oder dient sie dem
Signal, daß man dem Patienten zutraue, die durch Ausbleiben der
Versicherung akzentuierte Angst auszuhalten?
- Das konsequent durchgehaltene, zuvor
verabredete Verweigern von Versicherungen ist als zentrale
therapeutische Strategie der kognitiv-behavioralen Psychotherapie
einer HS vorbehalten (s.u.).
4.2 Psychotherapie
- Patienten mit einer HS zeigen per
definitionem Extremausprägungen auch in der mangelnden primären
Motivation zur Psychotherapie. Trotzdem ist der zu erreichende
Therapieerfolg in der Behandlung von Patienten mit HS größer als
früher angenommen.
- Derzeit lassen sich für die erste
Psychotherapiephase der Umattribution von einem somatischen zu
einem psychosomatischen Krankheitsmodell auf der Grundlage der
empirischen Literatur keine differentiellen Empfehlungen für
unterschiedliche ambulante Psychotherapieverfahren bei Patienten mit
HS rechtfertigen (siehe unten). Der indirekte Vergleich der
gegenwärtigen mit unkontrollierten älteren Studien weist darauf hin,
daß die therapeutischen Ergebnisse mit einem Psychotherapieverfahren,
das die erste Umattributions- Phase "überspringt" (wie z.B. eine von
Anfang an klassisch durchgeführte analytische Psychotherapie) bei
Patienten mit HS schlechter sind.
- Da bei Patienten mit HS die
Körperbeschwerden selbst nicht im Vordergrund stehen, andererseits
aber die Aufmerksamkeitseinstellung auf den Körper bereits überstark
ist, ist die Indikation zu einer ausschließlichen
Körpertherapie in der Regel nicht gegeben.
Obsolet ist:
- Jede Form von Psychotherapie, die die
mangelnde Introspektion und Motivation ausschließlich als Widerstand
oder mangelnde Eignung des Patienten begreift.
- Das an den Patienten gerichtete
Verlangen, schon zu Beginn einer Psychotherapie auf Besuche beim
Hausarzt, Heilpraktiker o.ä. wegen hypochondrischer Befürchtungen zu
verzichten.
4.3 Psychopharmakotherapie
- Aus der empirischen Literatur läßt
sich keine generelle Indikation zu einer die Psychotherapie
begleitenden oder ersetzenden Psychopharmakotherapie bei Patienten mit
HS ableiten.
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